Ein Schizophrener auf der Bühne
Am 3. Februar gab es für die Deutschkurse des Jahrgangs 11 in ihrer Montagsdoppelstunde statt Unterricht etwas ganz Besonderes: In der Aula trat für sie der Schauspieler Raimund Groß auf, um ihnen die Erzählung „Lenz“ von Georg Büchner, die sie als Abiturstoff alle lesen müssen, theatralisch näher zu bringen. In der Erzählung geht es um ein paar Wochen im Leben des schizophrenen Dichters Lenz aus dem 18. Jahrhundert, die er bei Pfarrer Oberlin im Elsass verbringt. Das ist im Buch knapp 25 Seiten lang geschildert. Raimund Groß hatte diesen Text komplett auswendig drauf und schaffte es, mit sparsamsten Mitteln – schwarzer Rock, ein Stuhl, minimaler Soundtrack, Lichtspot – sein Publikum in die Gedanken- und Erlebniswelt des kranken Dichters hineinzuziehen. Mit großer stimmlicher Wandlungsfähigkeit machte er den Text, der wirklich nicht einfach ist, lebendig und nahm so die Zuschauer mit in die extremen Stimmungsschwankungen und -wechsel des Protagonisten. Jeder in der Aula hatte hinterher eine sehr lebendige Anschauung davon, wie man sich die Innenwelt eines solchen psychisch Kranken vorstellen kann.
Die Schüler applaudierten am Ende heftig und hätten gern noch eine Zugabe herausgeschlagen, – wenn es noch mehr Text gegeben hätte. Aber statt dessen konnten sie in einem kurzen Gespräch erfahren, wie lange es dauert, bis Raimund Groß sich solch eine Textmasse anverwandelt – bis zu einem halben Jahr – und warum er das macht: nämlich um die Schönheit des Sprachklanges dieser Dichtung für die nächste Generation zu bewahren. Und das ist ihm für diese Generation in unserer Aula auch voll gelungen.

