Exkursion nach Point Alpha
Exkursion nach Point Alpha
Wer wie der Autor dieser Zeilen schon immer die Meinung vertreten hat, dass Geschichte am „lebenden Objekt“ ungleich mehr Gewinn für die Schüler abwirft als alle didaktischen Kunststückchen und von jeher für einen spannennenden Frontalunterricht – denn den gibt es durchaus! – eingetreten ist, der kam anlässlich der jüngsten Projekttage, die im „Haus an der Grenze“ bei Point Alpha stattfanden bzw. durch teils hoch faszinierende Zeitzeugenberichte buchstäblich (be)greifbar wurden, auf seine Kosten.
Die Entstehungsgeschichte der einstmals beiden deutschen Staaten, ihr allmähliches Auseinanderleben, das in Mauer, Stacheldraht und Schießbefehl mündete, wurde während dieser zwei Tage plastisch wie emotional fassbar: Niemand, der die Selbstschussanlagen mit eigenen Augen im Original gesehen oder spektakuläre Fluchthilfen wie -geschichten durch die Akteure selbst kennengelernt hat, kann bezweifeln, dass die DDR kein Arbeiter- und Bauernparadies, sondern ein wahrhaftiger Unrechtsstaat war, der zur Rettung seiner inhumanen Weltanschauung notfalls über die Leichen seiner eigenen Bürger zugehen bereit war. Dies wurde zusätzlich beim Gang auf dem ehemaligen Kolonnenweg augenfällig, wo man die Entwicklung vom einfachen Schlagbaum bis hin zur scharfkantigen, kaum überwindlichen Drahtmauer verfolgen konnte. Und nicht zuletzt das spartanische, ehemalige Camp der amerikanischen GIs, die an dieser Nahtstelle zwischen den beiden Machtblöcken von NATO und Warschauer Pakt ihren Dienst versahen, bestätigte jene heute (leider) wieder hochaktuelle Erkenntnis: „Freedom is not free.“
Gerd Kohlmetz

